Es ist einer dieser ersten richtig warmen Tage im Jahr. Der Schnee liegt nur noch in den schattigen Rinnen, und an den südexponierten Hängen im Gesäuse hat die Sonne den Fels bereits aufgeheizt. Genau hier, an der Grenze zwischen Winter und Frühling, beginnt für die Kreuzotter (Vipera berus) das neue Jahr.

Warum gerade jetzt?

Kreuzottern verbringen den Winter in frostfreien Verstecken – in Felsspalten, alten Wurzelstöcken oder Kleinsäugerbauten, oft mehrere Tiere gemeinsam. Sobald die Tageslänge und die Bodentemperatur stimmen, kommen sie heraus, um sich zu sonnen. In dieser Phase sind sie noch träge und verlassen sich ganz auf ihre Tarnung. Das macht den frühen Frühling zur besten Beobachtungszeit des ganzen Jahres.

Ich gehe langsam, den Blick immer ein paar Meter voraus auf die warmen Steinplatten. Und dann – ein zusammengerolltes, graues Etwas mit einem unverkennbaren dunklen Zickzackband auf dem Rücken.

Kreuzotter sonnt sich auf einem Felsen
Frisch aus der Winterruhe: eine Kreuzotter beim Sonnenbad. Foto: Hansueli Krapf · CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Männchen zuerst

Auffällig: Die ersten Tiere im Frühjahr sind fast immer Männchen. Sie verlassen die Winterquartiere früher, häuten sich und legen dann ihr kontrastreiches Hochzeitskleid an – silbrig-grau mit tiefschwarzem Band. Die bräunlicheren Weibchen folgen einige Wochen später. Wer im April einen Hang mit mehreren Ottern findet, erlebt mit etwas Glück sogar den „Kommentkampf” rivalisierender Männchen, die sich aufrichten und ringen, ohne zu beißen.

Abstand halten, beobachten, gehen

So faszinierend der Moment ist – die Kreuzotter ist Europas einzige weit verbreitete Giftschlange und steht streng unter Naturschutz. Sie ist nicht aggressiv, ein Biss erfolgt praktisch nur, wenn man sie bedrängt oder versehentlich greift. Ich bleibe ein paar Meter entfernt, mache ein, zwei Fotos mit dem Teleobjektiv und ziehe weiter.

Kreuzotter in typischer Hochmoor-Umgebung
Typischer Lebensraum: lichte, strukturreiche Hänge und Moorränder. Foto: Bybbisch94 · CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Worauf man achten sollte

  • Festes Schuhwerk und Aufmerksamkeit beim Gehen – nicht aus Angst, sondern aus Respekt.
  • Nie greifen oder mit Stöcken hantieren. Beobachten reicht völlig.
  • Hunde an die Leine, gerade in bekannten Otter-Gebieten.

Die erste Kreuzotter des Jahres ist für mich jedes Mal ein kleines Ritual – das untrügliche Zeichen, dass die Saison begonnen hat. Mehr zur Art findest du im Schlangen-Lexikon.


Bildnachweise: Titelbild & Foto 1: Hansueli Krapf (CC BY-SA 3.0) · Foto 2: Bybbisch94 (CC BY 4.0) — via Wikimedia Commons.